Eine Idee beschreiben, ein paar Prompts eingeben und die KI baut die passende Anwendung. Das Versprechen rund um Vibe Coding: Jetzt kann jeder programmieren.
Der Einstieg ist tatsächlich leichter geworden. Kleine Tools lassen sich heute auch ohne Programmiererfahrung umsetzen. Daraus abzuleiten, dass technisches Wissen überflüssig wird, halte ich allerdings für einen Fehler.
Was ist Vibe Coding?
Beim Vibe Coding beschreiben Sie einer KI, was eine Anwendung tun soll. Sie probieren das Ergebnis aus und lassen es mit weiteren Anweisungen anpassen.
In der ursprünglichen, engeren Bedeutung wird der erzeugte Code dabei weder gelesen noch geprüft. Entscheidend ist, ob die Anwendung auf den ersten Blick das Gewünschte macht.
Davon unterscheide ich die Entwicklung mit KI-Unterstützung: Hier wird der erzeugte Code verstanden, geprüft und bei Bedarf gezielt korrigiert. Für mich ist das ein sinnvoller Bestandteil professioneller Softwareentwicklung.
Was die Studie dazu zeigt
Die Studie „Computer Science Achievement and Writing Skills Predict Vibe Coding Proficiency“ untersucht genau diese Frage. Das Forschungsteam der ETH Zürich ließ 100 Studenten kurze Vibe-Coding-Aufgaben bearbeiten. Der Quellcode war dabei nicht zugänglich.
Zwei Ergebnisse sind für die Diskussion besonders relevant:
- Informatikkenntnisse: Höhere Werte im Informatiktest gingen mit besseren Vibe-Coding-Ergebnissen einher. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung allgemeiner kognitiver Fähigkeiten statistisch signifikant.
- Schreibkompetenz: Wer sich schriftlich besser ausdrücken konnte, erzielte ebenfalls bessere Ergebnisse. Nach Berücksichtigung allgemeiner kognitiver Fähigkeiten war dieser Zusammenhang allein allerdings nicht mehr statistisch signifikant.
Die Untersuchung zeigt Zusammenhänge, keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Sie betrachtet kurze, zeitlich begrenzte Aufgaben mit grafischen Oberflächen und Studenten. Langfristige Projekte, Wartung oder produktiver Betrieb wurden damit nicht untersucht.
Meine Einordnung: Selbst wenn niemand den Code direkt bearbeitet, bleibt fachliches Verständnis hilfreich. Das passt schlecht zum Versprechen, Programmierwissen sei künftig bedeutungslos.
Für kleine Tools hat Vibe Coding seine Berechtigung
Ich finde es positiv, dass mehr Menschen eigene Ideen ausprobieren können. Nicht jedes Problem braucht ein umfangreiches Softwareprojekt.
Sinnvolle Einstiegsprojekte können zum Beispiel sein:
- Ein Rechner, der verschiedene Angebotsvarianten gegenüberstellt.
- Ein lokales Tool, das Testdaten in ein anderes Format umwandelt.
- Ein klickbarer Prototyp, um einen geplanten Arbeitsablauf mit dem Team zu besprechen.
Bei solchen Aufgaben ist der Umfang überschaubar. Ergebnisse lassen sich oft direkt kontrollieren. Ein Fehler kann korrigiert werden, bevor jemand darauf angewiesen ist.
Eine Hürde bleibt aber schon bei kleinen Tools: das Deployment, also die Bereitstellung für den tatsächlichen Einsatz. Eine funktionierende Vorschau beantwortet noch nicht, wie das Team die Anwendung später zuverlässig nutzen kann.
Wo läuft das Tool? Wie werden Zugänge, Konfiguration und Updates verwaltet? Falls Daten gespeichert werden: Wo liegen sie und wie werden sie gesichert? Ohne technisches Verständnis kann deshalb bereits der Schritt vom Prototyp zur nutzbaren Anwendung schwierig werden.
Programmierwissen hilft, Fehler überhaupt zu erkennen
Eine Anwendung kann überzeugend aussehen und trotzdem falsche Ergebnisse liefern. Der erste erfolgreiche Durchlauf sagt wenig über Sonderfälle aus.
Angenommen, eine KI erstellt ein kleines Buchungssystem. Einen Termin einzutragen funktioniert. Was passiert aber, wenn zwei Personen gleichzeitig denselben Termin buchen?
Wer Programmierwissen mitbringt, stellt solche Fragen früher. Dieses Wissen hilft dabei:
- Probleme zu zerlegen: Welche Funktionen gehören zusammen? Welche Daten und Zustände braucht die Anwendung?
- Fehler einzugrenzen: Liegt das Problem in der Oberfläche, der Berechnung oder der Speicherung?
- Ergebnisse zu prüfen: Was passiert bei leeren Eingaben, ungültigen Werten oder unterbrochenen Verbindungen?
- Änderungen einzuschätzen: Welche bestehenden Funktionen könnte eine neue Anpassung beschädigen?
Für verlässliche Projekte bleibt Programmierwissen deshalb aus meiner Sicht essenziell. Es muss nicht jede beteiligte Person selbst programmieren können. Im Projekt braucht es aber jemanden, der die technische Umsetzung beurteilen und verantworten kann.
Gute Software braucht auch klare Anforderungen und gute UX
Auch erfahrene Entwickler können am eigentlichen Bedarf vorbeiarbeiten. Technisches Wissen allein reicht deshalb ebenfalls nicht.
„Bau mir eine Kundenverwaltung“ lässt viele Entscheidungen offen. Wer nutzt sie? Welche Informationen werden benötigt? Wer darf Daten ändern? Was soll damit im Arbeitsalltag einfacher werden?
Diese Anforderungen müssen geklärt werden, bevor die KI sie sinnvoll umsetzen kann. Ein präziser Prompt beginnt mit einem verstandenen Problem.
Genauso wichtig ist der Blick auf die Benutzerfreundlichkeit, also die UX:
- Erkennen Nutzer, was sie als Nächstes tun sollen?
- Ist ersichtlich, ob ihre Eingaben gespeichert wurden?
- Helfen Fehlermeldungen bei der Korrektur?
- Funktioniert der Ablauf auch am Smartphone und mit der Tastatur?
- Werden unnötige Eingaben und doppelte Arbeit vermieden?
Eine hübsche Oberfläche beantwortet diese Fragen nicht automatisch. Dafür braucht es Tests mit den Menschen, die später damit arbeiten.
Was ich empfehle
Nutzen Sie Vibe Coding, um kleine Ideen auszuprobieren und Anforderungen greifbar zu machen. Ein Prototyp kann Gespräche erleichtern und zeigen, ob ein Ansatz überhaupt hilfreich ist.
Bevor daraus eine Anwendung für den täglichen Betrieb wird, sollten Funktion, Code, Datenverarbeitung und Bedienbarkeit geprüft werden. Klären Sie auch, wer Fehler behebt und die Software weiterentwickelt.
KI senkt den Aufwand, Code zu erzeugen. Die Verantwortung für eine brauchbare Lösung bleibt bestehen.
Sie haben bereits einen Prototyp oder eine Idee für ein internes Tool? Melden Sie sich bei mir. Wir klären gemeinsam, was für den zuverlässigen Einsatz noch fehlt.
